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    Warum Indianer nicht lammfromm sind und schwarze Schafe süss sein können
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April 09 - Am 1. April lässt man sich schon mal in den April schicken. Da ist Schlagfertigkeit gefragt - und eine humorvolle Grundhaltung. Manchmal nützt es, auf ernstgemeinte Äusserungen so zu reagieren, als seien sie ein Aprilscherz. Zudem zwingt uns das wechselhafte Aprilwetter dazu, flexibel und pragmatisch zu reagieren, um den Wetterkapriolen zu trotzen. Flexibilität - auch eine gute Voraussetzung für Schlagfertigkeit.

Schlagfertig mit Humor und Gelassenheit - statt mit verbissenen Retourkutschen

Was eignet sich besser für eine Betrachtung des Themas "Umgang mit verbalen Angriffen" als die aktuelle Diskussion um Peer Steinbrücks verbale Peitschenhiebe und Indianer-Metaphern. Steinbrück hatte bei der G20-Finanzministerkonferenz in Horsham gesagt, dass von der OECD eine schwarze Liste mit Steueroasen erarbeitet werden könne. "Die Kavallerie in Fort Yuma muss nicht immer ausreiten, manchmal reicht es, wenn die Indianer wissen, dass sie da ist.“, so der deutsche Finanzminister. Er hatte aber auch gesagt, seines Wissens stünden die Schweizer nicht auf einer solchen schwarzen Liste, die er zudem auch nicht kenne. Die Folge waren wütende Reaktionen in der Schweiz, die in Drohbriefen, wüsten Beschimpfungen in Foren und Nazivergleichen gipfelten. Diese schönen Negativschlagzeilen konnten dann wirksam von den Medien breitgetreten und der Konflikt hochgekocht werden. Statt die Frage zu diskutieren, wer Recht hat, sollte man sich lieber fragen, wie diese Eskalation zu verstehen und zu entschärfen bzw. durch geeignete Reaktionen zu verhindern ist.

Grundsätzlich spiegelt sich in dem Streit zunächst einmal die unterschiedliche Kommunikationskultur der politischen Debatte in Deutschland und in der Schweiz wider. Während man sich im deutschen Bundestag gern durch eine kämpferische Grundhaltung profiliert und kein Blatt vor den Mund nimmt, wahrt man im Schweizer Parlament immer die Form. Kleinste Entgleisungen wie das Wort "dumm" oder "Dummheiten" führen unweigerlich zu einer Rüge der gestrengen Nationalratspräsidentin Simoneschi-Cortesi. Im deutschen Politik-Business dagegen konnte Franz Müntefering nach dem unklaren Wahlausgang 2005 ungestraft zu Angela Merkels Kanzleramtsambitionen sagen: "Die Frau kann's nicht" - und nachher lammfromm an ihrer Seite als Vizekanzler amtieren. Jürgen Trittin (Grüne) bezeichnete gerade die Bundesregierung als "Koalition der Kesselflicker", Oskar Lafontaine (Die Linke) nannte sie "Plapperfritzen".

Wir sehen, deutsche Politikerinnen und Politiker profilieren sich gern mit markigen Worten und bemühen oft bildhafte Ausdrücke, die zweifellos eine stärkere Wirkung erzielen als abstrakte Ausdrücke, leider aber eben auch einen grösseren Interpretationsspielraum haben und leicht verletzend oder diskriminierend wirken können, wie das Indianerbeispiel zeigt. In der Schweiz dagegen ist es allenfalls die SVP, die auch mal die derben Töne anschlägt und mit eindrücklichen Bildern Aufmerksamkeit erzielt ("Maria statt Scharia" oder die Kampagne mit den schwarzen Schafen).

Die Frage, welcher Kommunikationsstil besser oder schlechter ist, hat wenig Relevanz. Stattdessen bringt es mehr, diese Unterschiede zu akzeptieren.

Wie geht man aber souverän mit solchen verbalen Attacken um? Am besten, indem man hinterfragt, was der Kommunikator damit über die eigentliche Sache und über sich selbst aussagt. Und so kann man Herrn Steinbrück dann zweifellos vorhalten, dass sein Weltbild doch arg von Kriegsrhetorik und martialischen Begriffen geprägt ist und sachlich feststellen, dass dies nicht die Basis sein kann zur Auflösung eines Interessenkonflikts zwischen guten Nachbarn, die von ihrer erfolgreichen Kooperation auf vielen Ebenen profitieren..

Am wenigsten souverän wirkt es, wenn man in solchen Äusserungen einen Appell oder eine Beziehungsbotschaft hört: "Ihr Schweizer seid Indianer". Hier könnte man den Wind aus den Segeln nehmen, indem man zurückfragt, wen genau Steinbrück als Indianer sieht und ob er allenfalls ein Problem mit Indianern hat. Tatsächlich hat Peer Steinbrück ja nicht gesagt, die Schweizer seien Indianer, auch wenn das von vielen Medien genau so kolportiert wurde, um das mediale Feuer ein bisschen zu entfachen und entsprechend medienwirksame Reaktionen zu erzeugen wie Nazivergleiche, vulgärsprachliche Anfeindungen, Rundumschläge gegen Deutsche im Allgemeinen und andere Retourkutschen. Darüber kann man dann wieder prima neue Berichte schreiben und so das Ganze noch mehr aufschaukeln. Doch damit, die beleidigte Leberwurst zu spielen, bringt man sich selbst nur in die schwächere Position. Falls sich Herr Müntefering oder Herr Steinbrück also mal wieder in ihren martialischen Bildern versteigen sollten, wäre die beste Reaktion, entweder die Aussage zu überhören und zu ignorieren oder sie allenfalls sachlich zu hinterfragen bzw. sie quasi zurück an den Absender zu schicken, indem man den Herren den Spiegel vorhält. Auf Münteferings Äusserung, früher hätte man deswegen Krieg geführt, könnte man also entgegnen: "Das ist richtig. Aber es wäre Ihnen doch nicht etwa lieber, Sie hätten früher gelebt?". Oder: "Genau. Und Sie wirken, als seien Sie von gestern, wenn Sie so etwas sagen."

Zum Glück haben sich die Wogen inzwischen geglättet und Frau Calmy-Rey und Herr Steinmeier haben die Friedenspfeife geraucht.

Die kleinen feinen Unterschiede zwischen Nachbarn, die sich im Grunde doch sehr ähnlich sind, wurden mir als Schweizerin mit deutschem Migrationshintergrund an einem süssen Osterschaf bewusst. Ein bekannter Schweizer Schokoladenproduzent bietet hier in der Schweiz fünf herzige weisse Schafe "im Set" an. Heute nun kaufte ich ein ebensolches Schafsquintett vom selben Hersteller noch einmal in Deutschland - und da war tatsächlich eines der Schafe schwarz. Ein schwarzes Schaf, undenkbar in der Schweiz. Ich werde es mir schon bald auf der Zunge zergehen lassen. Frohe Ostern!



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