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Man spricht Schwiizertüütsch - oder eben nicht

Selbstverständlich versteht man - auch als Westfälin oder Norddeutsche, die ziemlich dialektfreies Hochdeutsch spricht - nach kurzer Zeit Schweizerdeutsch. Das gehört sich auch so, wenn man in der Schweiz lebt und sowieso wenn man dann auch einen Schweizer Pass hat. Aber Schweizerdeutsch sprechen? Nach ein paar Jahren könnte man es irgendwie, aber man meidet potentielle Fettnäpfchen und hört auf den weisen Rat des Schweizer Ehemanns, sich ja nicht im Schweizerdeutschsprechen zu versuchen, jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit. Man kennt das milde Lächeln und die ironischen Bemerkungen, mit denen Deutsche bedacht werden, deren Herkunft nördlich des Weisswurstäquators liegt, wenn sie sich im Schweizerdeutschen versuchen. Warum auch Schweizerdeutsch sprechen, man versteht sich ja auch so, wenn jeder einfach seine Sprache spricht. So ungefähr wenigstens. Und am Anfang gar nicht. Zu gern erinnere ich mich an meine ersten Jahre in der Schweiz. Schnell hörte ich mich in die Sprache ein und konnte Erfolgserlebnisse im Verstehen verbuchen, doch hielt der Alltag in der Schweiz immer wieder zahlreiche Anlässe für lustige Missverständnisse bereit, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte.

Da will man sich zwecks Eingliederung ins schweizerische Alltagsleben und Kontakt mit Gleichgesinnten vielleicht ein bisschen fit halten und geht zum allwöchentlichen Turnen speziell für Frauen. Dort stellt man zunächst mal fest, dass Frauenfitness in Frankfurt etwas anderes ist als Frauenturnen in Baden-Dättwil. Während man dort neben der netten Ansagerin vom ZDF, der dynamischen Managerin von der Deutschen Bank und den vielen Mädels von der Lufthansa schweisstreibend und solidarisch seine Problemzonen bearbeitete, gumpen und springen hier professionelle Hausfrauen, die allenfalls noch es bizzeli nebbebi schaffet. Ungewollt fällt man hier gleich negativ auf, weil man ständig aus der Reihe tanzt. Aus einem einfachen Grund: Wenn das Kommando „springen“ lautet, springt man natürlich in die Höhe statt zu laufen, bei „heben“ sucht man was zum Hochheben und hebt den Arm statt die Bewegung zu halten, bei „gumpen“ und bei „sich gegenseitig mit dem Bölle abberüggelen“ steht man nur ratlos da.

Des Sommers macht der Schweizer Velotürli. Hinter diesem niedlichen Begriff versteckt sich aber etwas furchtbar Anstrengendes und ganz anderes, als jemand vermutet, der Fahrradtouren nach 12 Jahren Wohnsitz in Hamburg und Bremen mit gemütlichen Fahrten am Deich entlang übers flache Land verbunden hat.

Des Winters läuft der Schweizer natürlich Ski. Mein Schweizer auch, aber man muss ja nun nicht jeden Blödsinn mitmachen. Als Flachlandtirolerin ist einem das Gefühl sehr fremd, sich mit unkontrollierbarer Geschwindigkeit einen Berg hinunterzustürzen. Zum Glück gibt es ja auch noch Langlaufen und in Einsiedeln ein hervorragendes Fachgeschäft namens „Wisel Kälin“ für eben diesen Sport, geführt von zwei ehemaligen Profis, wie mir mein Schweizer erklärt hatte. Und richtig, wir waren ja auch schon mal in Sachen Laufsport dort gewesen. Das ist so ein echtes Fachgeschäft, in das man nicht einfach hineingeht, ein Paar Schuhe aus dem Regal greift, anprobiert und sagt: „Die nehme ich.“ Da kann man als unter Konsumzwang Leidende auch nicht einfach zwei Paar Laufsocken kaufen, da bekommt man erstmal nur ein Paar und kann sich, wenn man wirklich voll damit zufrieden ist und dies belegen kann, später ein zweites kaufen. Da wird man wirklich beraten.

Damals hatte mir der überaus kompetente Fachmann zu einem Paar Joggingschuhen verholfen und doch zögerte er, sie mir zu verkaufen: „Eigentlich würde ich Sie jetzt erst im Hof damit eine Runde springen lassen.“ Dabei wollte ich die Schuhe doch zum Laufen, nicht zum Springen. Wie dem auch sei, dorthin fuhr ich, um mir unter ähnlich professioneller Anleitung ein Paar Langlaufski verpassen zu lassen. Diesmal war es ein anderer Berater: Ein älterer, hochgradig fachkundiger Herr, der mir nach vollbrachtem Beratungs- und Auswahlakt auch anbot, mich in die Langlauftechnik auf der Einsiedler Loipe einzuführen. Dazu reichte er mir seine Karte, auf der „Wisel Kälin“ stand. Nun, so hiess der Laden ja, aber war er nun Herr Wisel (von mir natürlich "Wiesel" ausgesprochen) oder Herr Kälin? Ich stellte ihm diese Frage, die ihn etwas zu irritieren schien. „Kälin, ich bin Herr Kälin selbst“, sagte er. „Ach so“, erwiderte ich, „dann habe ich mir bei Ihrem Kollegen "Wiesel" im Sommer ein Paar tolle Joggingschuhe gekauft.“ Wieder schaute er mich irgendwie irritiert an und verabschiedete mich bis zum Langlaufkurs am nächsten Sonntag.

Mein Schweizer daheim brauchte mehrere Minuten, bis er sich von seinem Lachanfall erholt hatte, als ich ihm von Herrn Kälins merkwürdiger Reaktion auf meine Frage und die Sache mit seinem Kollegen Wiesel erzählte. „Mensch, der heisst Wisel Kälin, Wisel ist sein Vorname, also eigentlich Alois. Und der ist ehemaliger Olympia-Silbermedaillengewinner“, prustete er. Mein Gott, woher soll ein normaler Mensch wissen, dass hier Männer mit Vornamen "Wiesel" heissen? Im Nachhinein war mir das natürlich sehr peinlich, denn der supernette Herr Kälin muss mich für komplett verrückt gehalten haben mit meiner blöden Frage. Davon hat er sich beim Langlaufkurs aber nichts anmerken lassen. Ein echter Kavalier.

Irgendwann zügelte ich dann von Baden-Dättwil nach Nussbaumen (zügeln tut man auf Hochdeutsch übrigens nur die Zunge oder seine Triebe oder so etwas in der Art) und schliesslich nach Wettingen. Und immer wieder kam es mal zu erheiternden Missverständnissen. Was mich z.B. von Anfang an ungeheuer beeindruckt hat, ist diese Weltoffenheit der Schweizer, denen man doch eher Eigenbrödlerei nachsagt. Aber da gibt es doch wirklich in jeder Stadt einen Chileplatz. Ich fragte mich, was die Schweiz wohl ausgerechnet mit einem südamerikanischen Land wie Chile verbindet. Jedenfalls fand ich es toll. Da ich auf so einer Gemüsetüte mal gelesen hatte „Jeden Dienstag Markt auf dem Chileplatz“, fragte ich meinen Mann, wo denn in Baden wohl der Chileplatz sei. Erst der Ausdruck des Nichtverstehens, dann wieder ein Lachanfall waren die Antwort.

Ich fand es beim Einkaufen dafür etwas übertrieben, dass einem immer gleich ein Sack angeboten wird, denn eine Tüte reicht ja nun wirklich völlig aus und lässt sich auch leichter transportieren als ein Sack. Deutsche sehen da einen Kartoffelsack vor ihrem inneren Auge. Komisch finde ich auch, dass die Schweizer immer ihre Hände im Sack haben. Und dann diese unvermeidliche Betty Bossi, an der man kaum vorbeikommt. Vom Kochen hat sie trotzdem keine Ahnung. In den Rezepten steht, man solle Nudeln in der Pfanne kochen. Das geht ja gar nicht, dafür braucht man doch einen Topf. Apropos Topf, das erinnert mich an das Thema Zopf. Schnell lernt man, dass der Schweizer am Sonntag einen Zopf isst. Weil man sich ja sonst nichts gönnt, kauft man den bei einer himmlischen Konditorei. Wenn man aber so gegen Mittag gemütlich seinen Zopf "posten" will, dann gibt es keinen mehr. Also lässt man sich jeden Samstag einen zurücklegen. Tritt man alsdann des Samstags zu beliebiger Stunde an eine der Verkäuferinnen mit der klaren Aussage heran: „Ich hatte einen Zopf zurücklegen lassen“, so bekommt man die unendlich unpassende Antwort: „Hier ist kein Zopf liegen geblieben.“

Natürlich backen Deutsche auch gern Kuchen und dazu gehört auf jeden Fall Schlagsahne. Da will man doch, weil man aus der Dr. Oetker-Metropole Bielefeld kommt, für das allsonntägliche Kaffee-Kuchen-Ritual ein Päckchen Sahnesteif kaufen und findet es nicht im Regal des Supermarkts. Nichtsahnend wendet man sich mit seinem Anliegen an eine durch einen Kittel (übrigens: warum tragen hier eigentlich Banker Kittel?) als Verkaufs-Fachkraft zu erkennende ältere Dame. „Sahnesteif?!“, fragt die Fachkraft mit kaum unterdrücktem verlegenen Kichern. „Ja, Sahnesteif“, antwortet man mit gütiger Geduld, „das, was man in die Sahne tut, damit sie steif wird.“ „Ach so“, die sichtlich erleichterte Antwort der Dame, „Sie meinen Rahmhalter.“ Nun ja, bei Rahmhalter denke ich eigentlich mehr an ein Werkzeug oder etwas zum Festmachen von Bilderrahmen, aber bitte, meinetwegen auch Rahmhalter, Hauptsache die Sahne wird steif.

Auch nach 17 Jahren in der Schweiz und als Schweizerin spreche ich nach wie vor Hochdeutsch, selbstverständlich gespickt mit den alltäglichen Helvetismen wie posten, grillieren, parkieren, Natel, degustieren, Glacé, Poulet, Pendenzen, Traktanden und so weiter. Und wenn ich mal in meiner früheren Heimat bin und durch den Teutoburger Wald laufe, dann grüsse ich natürlich jeden Spaziergänger mit einem freundlichen "Grüezi".

Umgekehrt sollten aber auch Schweizerinnen und Schweizer im kommunikativen Umgang mit Deutschen eine typische Eigenart des Schweizerdeutschen vermeiden: Sprechen Sie die Menschen mit ihrem Namen an, sobald Ihnen dieser bekannt ist. Einfach "Sie" - oder noch schlimmer in der gedehnten Form "Siehie" zu sagen, tönt für deutsche Ohren extrem unhöflich. Das gilt auch für die Kombi-Variante "Sie, Frau Hinkelmann". Selbst nach 17 Jahren in der Schweiz lässt einen das genauso erschauern, wie wenn ein Deutscher in einer Beiz "Ich krieg noch 'ne Cola" sagt.

© Gunhild Hinkelmann, fair communication, Wettingen

 
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